FAQ
Antworten auf die Warum’s
Sowohl im Privaten wie auch auf Märkten und von mehreren Kundinnen bin ich folgendes häufiger gefragt worden. Da die Antworten meist etwas länger sind, wollte ich sie hier schon einmal niederschreiben.
Wenn du noch Fragen an mich hast, melde dich gerne bei mir.
Die Antwort auf die Frage, warum ich mich für Curvy Mode entschieden habe, ist komplex und einfach zugleich. Das Modeangebot ist riesig. Für normal bis leicht übergewichtige Frauen gibt es alles in allen Qualitäten und das reichlich. Ab einer bestimmten Größe wird das allerdings schwieriger, sowohl was die Auswahl als auch die Qualität betrifft. Und ganz schwierig wird es, wenn die Proportionen des Körpers von den in der Industrie zu Grunde gelegten Proportionen abweichen. Z. B. große Oberweite, runder Bauch, schmale Hüfte. Die Wahl ist dann teils zwischen Sack und Presswurst zu treffen, aber wohl und vor allem schön fühlt man sich dann nicht. Ich selbst kenne das Problem als ausgeprägter Birnen-Typ. Oberteile sitzen an der Schulter und der Brust gut, am Bauch wird’s kritisch und an der Hüfte spannt es, so dass alles wieder nach oben rutscht und ich die ganze Zeit mit Shirt-Ziehen, Glattstreichen und Rumzuppeln beschäftigt bin.
Dabei spreche ich hier bei den Curvy-Frauen nicht von einer kleinen Randgruppe in unserer Bevölkerung. Schon bei der letzten Datenerhebung 2009 lagen die Durchschnittsmaße von Frauen in Deutschland bei einem Brustumfang von 98,7 cm, einem Taillenumfang von 84,9 cm und einem Hüftumfang von 102,9 cm. Das entspricht einer Konfektionsgröße 44. Die Tendenz ist jedoch seit den 80er Jahren steigend, d. h. auf die nun fast 16 Jahre alten Daten können vermutlich noch ein paar Zentimeter draufgerechnet werden. Und bei einigen Modemarken ist bei einer Größe 44 oder 46 Schluss.
Um nun auf den Beginn der Antwort zurückzukommen: Für einen großen Teil unserer Bevölkerung gibt es nur eingeschränkte Möglichkeiten auf einem extrem überfüllten Modemarkt. Hinzu kommt eine oft bestehende Stigmatisierung gegenüber kurvigen Frauen. Das ist etwas, was ich mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn nicht gut heiße, weshalb ich mich für den Bereich der Curvy Mode entschieden habe und damit einen kleinen Beitrag gegen Stigmatisierung hin zu einem selbstbewussten Miteinander leisten möchte.
Naja, die einfache Antwort ist: Es soll ja deine Größe sein.
Und es stellt sich auch die Frage: Was sagen Konfektionsgrößen tatsächlich aus? Eigentlich nichts. Jeder hat es bestimmt schon mehrmals erlebt, dass einem ein Shirt von Marke X in einer Größe passt, ein ähnliches Shirt von Marke Y in der gleichen Größe jedoch nicht. Hersteller sind nicht an bestimmte Maßtabellen gebunden. Im Zuge der letzten großen Reihenmessung wurden ausführliche Maßtabellen in Kombination der dazugehörigen Konfektionsgrößen aufgestellt. So ist bei einer Größe 48 z. B. der Brustumfang 110 cm, der Taillenumfang 94,5 cm und der Hüftumfang 114 cm. Schaut man bei unterschiedlichen Herstellern in die dort genutzten Maßtabellen, wird man für eine Größe 48 vermutlich jeweils andere Werte finden. Also: Größe ist somit nicht gleich Größe.
Als zweiten und meiner Meinung nach viel wichtigeren Punkt, möchte ich das moralische Dilemma mit den Konfektionsgrößen ansprechen. Wer ärgert sich nicht, wenn ein Kleidungsstück im Laden in der Größe, die man doch sonst immer trägt, nicht passt und man muss zur größeren Variante greifen? Man ärgert sich meist nicht nur, sondern man fühlt sich schlecht. Dabei ist dieser Schnitt vielleicht einfach mit anderen Maßen und anderen Zugaben für die Weite konstruiert worden und fällt im Vergleich zu den anderen Kleidungsstücken kleiner aus. Eine Kleinigkeit hat in diesem Fall aber teils für unser Selbstbild und das Selbstvertrauen Folgen. Wir klammern uns an „unsere Wohlfühlgröße“. „Ich bin doch eine Größe 40. Wenn ich 42 kaufen würde, dann wäre ich doch dick.“ Die Konfektionsgrößen sind damit kein Leitfaden mehr, um gut passende Kleidung zu finden, sondern haben sich eher zu einem Status und teils Stigma entwickelt. Die Modeindustrie ist sich dessen bewusst und fertigt die Kleidung mit gleicher Konfektionsgröße einfach ein Stück größer. So passen viele doch noch in die gewünschte Größe und fühlen sich besser. Eine Größe 40 aus den 80ern ist keine Größe 40 von heute. Hersteller, die sich eher an die Maßtabellen der Reihenmessung halten, sind dadurch für viele Menschen unattraktiver, da bei gleichen Konstruktionsmaßen eine deutlich größere Konfektionsgröße ausgeschildert wird.
Dabei haben wir alle nun mal unsere Maße. Ganz objektiv, ganz wertfrei. Daher verzichte ich darauf Konfektionsgrößen zu nutzen. Wenn ich auf Märkten bin habe ich immer ein Maßband dabei, so dass jeder bei Interesse seine Maße erfahren und ich direkt sagen kann, ob ich was Passendes dabei habe oder ob bestimmte Schnitte besser als Maßanfertigung genäht werden sollten.
Ich war schon mein ganzes Leben lang künstlerisch und handwerklich unterwegs. Nach meiner Schulzeit habe ich daher zunächst eine Ausbildung als Goldschmiedin gemacht und anschließend nebenberuflich als Goldschmiedin und Porträtzeichnerin gearbeitet. Währenddessen kamen Ausbildung und Studium im Bereich Ergotherapie und anschließend das Arbeitsleben mit diesem Beruf. Entschieden habe ich mich für die Ergotherapie, da ich das Gefühl hatte, mit Kunst und Handwerk kann man doch nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten. Ich muss doch ein festes Standbein haben. Eigentlich habe ich gerne als Ergotherapeutin gearbeitet, aber mir hat der kreative Anteil gefehlt, wie ich inzwischen weiß. Kreativität und Handwerk sind für mich kein Hobby, für das nur Zeit sein kann, wenn mir das Arbeits- und Privatleben Zeit dazu lässt. Es sind Teile von mir, die viel Raum und Zeit zur Verwirklichung benötigen. Vermutlich hat meine beginnende Midlifecrisis den letzten Anstoß gegeben zu sagen: Jetzt verändere ich mein Leben noch einmal grundlegend und gehe Schritte, die ich schon seit Jahren im Kopf hatte, mich nur noch nicht getraut hatte anzugehen. Ich habe einmal einen Satz gehört, der mich sehr zum Nachdenken angeregt hat:
Die Midlifecrisis ist nicht die Zeit, in der Menschen anfangen plötzlich verrückte Dinge zu tun. Es ist die Zeit in der einem bewusst wird, dass der Zeitpunkt Dinge zu beginnen, die man in seinem Leben gerne machen möchte, nicht mehr in der Zukunft liegt, sondern heute ist.
Daher der Berufswechsel. Jetzt und in diesen Bereich.

